Schenken

Während heutzutage das Schenken fast so etwas wie eine Pflicht, Statusverteidigung oder Selbstdarstellung zu sein scheint, hatte das Schenken früher - wenigstens im Ansatz - Symbolcharakter: Den Armen schenkte man existentiell Notwendiges und - damit sie mitfeiern konnten - etwas zum Essen und Trinken. Der Kreis der Armen, für den oft vor dem eigentlichen Fest gesammelt wurde (Christkindl einläuten), wurde ab der Reformation um die Kinder erweitert, deren Kinderbeschenktag zu Nikolaus damit entfallen sollte. Bis zur Reformation schenkten Erwachsene sich untereinander nichts, außer daß der Dienstherr verpflichtet war, seinen Dienstboten eine Kleinigkeit zu schenken. Das Beschenken der Erwachsenen untereinander begann erst mit dem Verständnis von Weihnachten als Familienfest. Als „nordeutsch-protestantische Sitte” wird der Gabentisch am Heiligabend in einer bayerischen Chronik von 1860 bezeichnet, „welche nur in München, seit den Tagen der Königin Caroline eingeführt, in den höheren Ständen festen Fuß gewonnen hat”. Geschenke waren dabei manchmal symbolisch gemeint (Julklapp), aber immer etwas, was über die „Grundversorgung” mit Notwendigem hinausging, ein „superadditum”: ein Buch, Süßigkeiten oder Spiele. Das Geschenk sollte die Freude vermitteln, die der Festtag bot, der ein Ereignis der „Übernatur” (= supernaturalitas) feierte. Der qualitative, tiefergehende Sinn der Geschenke stand früher stärker vor Augen. Dabei leitet sich das Schenken von der Jungfrauenlegende des heiligen Nikolaus ab: Der heilige Nikolaus schenkt heimlich und unerkannt. Er gibt aus seinem Privatvermögen, um den Mädchen die ewige Seligkeit zu erhalten. Schenken im christlichen Sinn will also ein Ausblick auf den Himmel sein, das Paradies schon auf Erden ein wenig vorkosten lassen.

Kinderbeschenktag war im frühen Mittelalter das Fest der Unschuldigen Kinder (28. Dezember). In dem Maße, wie der heilige Nikolaus populär und Patron der Schüler und Kinder wurde, verlagerte sich im 13. Jahrhundert der Kinderbeschenktag für Jungen auf den Festtag des heiligen Nikolaus (6. Dezember). Im 14. Jahrhundert ist der 6. Dezember als Geschenktermin allgemein üblich. Mancherorts scheint parallel das Fest der heiligen Lucia (13. Dezember) zum Kinderbeschenktag für die Mädchen geworden zu sein. Um 1500 war Weihnachten als Schenktermin oder Kinderfest unbekannt. Die Reformation hat sowohl den heiligen Nikolaus als Geschenkebringer als natürlich auch den 6. Dezember als Termin bekämpft. Heilige als Mittler göttlicher Gnade waren nach reformatorischer Lehre überflüssig. Neuer Schenktermin - zunächst in protestantischen Gegenden, nach 1900 allmählich in ganz Deutschland flächendeckend - wurde Weihnachten. (In Neuss am Rhein und in weiten Teilen des Rheinlandes wird um 1900 noch am Nikolaustag beschert). Geschenkebringer wurde die von Martin Luther propagierte Kunstfigur „Christkind”, die es aber als Nikolaus-Begleiter oder als Gabenbringer schon vorher gab. In den protestantischen Ländern ließ sich dieser Wandel nicht überall durchsetzen: Die Niederlanden hielten am alten Schenktermin und am heiligen Nikolaus fest. Im Laufe der Entwicklung mutierte „das Christkind” zum „Weihnachtsmann”, der wiederum zum Teil Wesensmerkmale und den Namen des heiligen Nikolaus übernahm. In Nordamerika heißt der „Father Christmas” mit Namen „Santa Claus”. Um 1930 hatte sich schließlich in Nordwest- und Südwestdeutschland „das Christkind”, in den anderen Landesteilen der „Weihnachtsmann” als Gabenbringer durchgesetzt.

 

 

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