Die Rückführung des verschleppten Kindes

Cethron, der Gemahl der Euphrosina in Excoranda, hatte sich nach Myra begeben, um dort den hl. Nikolaus um seinen Segen zu bitten. Er kam aber zu einem Zeitpunkte in Myra an, als man eben im Begriffe war, die Leiche des verstorbenen Bischofs zu bestatten. Doch erhält er auf seine dringende Bitte „unum de linteaminibus” (lat.: eines der Kleidungsstücke) des Heiligen. Nach seiner Heimat zurückgekehrt, und im Vertrauen darauf, dass ihm die Kraft der Reliquien den heiß ersehnten Sohn schenken werden, baut Cethron auf Bitten seiner Gattin dem hl. Nikolaus außerhalb der Stadt eine Kirche. Der Ortsbischof Apollonius weiht sie, das in der Kirche aufbewahrte, Wohlgeruch ausströmende „linteamen” (lat.: Kleidungsstück) wirkt Wunder. Am 6. Dezember, dem Nikolaustage, wird dem Ehepaar ein Sohn geboren, der den Namen „Adeodatus” (lat.: Gott gegeben) erhält. Seitdem feiert die Familie jedes Jahr das Nikolausfest am Jahrestage der Geburt ihres Sohnes. Als der Knabe sieben Jahre alt wurde und man gerade wieder das Fest des Heiligen beging, fallen die Agarener (d. s. Araber) ins Land ein, nehmen mit anderen Bewohnern der Stadt auch den jungen Adeodatus gefangen und führen alle nach Babylonien. Bei der Verteilung der Gefangenen kommt Adeodatus als Mundschenk in den Palast des Königs Marmorinus. Nach einem Jahre, als wieder der Tag des hl. Nikolaus gekommen war und eben der König dem unglücklichen Knaben versichert hatte, dass keine Macht der Welt ihn je seinen Händen wieder entreißen könne, wurde Adeodatus plötzlich mit dem gefüllten Becher, den er dem Könige zu reichen im Begriffe gewesen war, in die Luft entrückt und in seine Heimat zurückgebracht.

© Karl Meisen: Nikolauskult und Nikolausbrauch. Düsseldorf 1931.

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