Der Finger des heiligen Nikolaus

Der heilige Nikolaus hätte es sich zu seinen Lebzeiten nicht träumen lassen, dass nach seinem Tode mit einem seiner Finger einmal Mißbrauch getrieben würde, und zwar geschah das im Kölner Erzbistum. Als da im Jahre 1028 das Kloster zu Brauweiler gegründet wurde, weihte man es dem heiligen Nikolaus, uns als kostbarsten Schatz barg es einen Finger seines Namenspatrons, der in einem kristallenen Behälter lag.

Eines Tages schickte Abt Bertram einige Kölner Studenten durchs Erzbistum, die sollten in Stadt und Land beredsam um Almosen bitten, damit das Kloster ausgebaut werden könnte; um zu bezeugen, dass sie von ihm gesandt worden waren, gab er ihnen die kostbare Reliquie mit. Wohin nun die Bittsteller kamen, fanden sie Herzen und Hände offen. Je mehr aber die frommen Spenden sich häuften, um so stärker fühlten sich die Sammler versucht, in die ledernen Beutel zu greifen, und schließlich geschah es auch einmal, zweimal und dann bei jeder Gelegenheit. Statt aber eifrig den Finger des Heiligen weiter durchs Land zu tragen, saßen sie jetzt oft Stunden in Herbergen und Trinkstuben herum, gaben sich recht weltlich und manchmal auch sündhaft dazu. Endlich duldete es der Heilige nicht mehr, dass die Burschen Mißbrauch trieben mit seinem Finger. Als sie wieder irgendwo mit heuchlerischen Worten und Gebärden um eine Spende baten und die Reliquie zum Segen erhoben, zersprang der Behälter. Der Finger fiel auf die Erde, fing an zu bluten, und das Blut ließ sich nicht stillen, bis der Abt selber von Brauweiler kam und den Finger in ein neues Behältnis legte. Reumütig bekannten die Burschen, wie sie es getrieben hatten. Sie wurden mit Schimpf und Schande davongejagt. Von den Neunmalklugen, die es zu allen Zeiten gibt, wollten einige wissen, dabei hätte sich der Finger in seinem neuen Behältnis bewegt, als hätte er drohen wollen.

Manchmal war der Finger auch noch zu etwas anderem nutz. So standen zu Fastnacht 1347 die Wasser des Rheines so hoch in den Kölner Gassen, wie es noch nie gewesen war seit Menschengedenken. Wochenlang ging die Flut nicht zurück. Häuser und Gehöfte stürzten zusammen. Vieh und Menschen ertranken. Seuchen verbreiteten sich. In Kirchen und Kapellen flehten die geängstigten Kölner den Himmel an. Bittprozessionen zogen nach Sankt Severin und Sankt Mechtern, um die Patrone der beiden Kirchen um Fürsprache bei Gott anzurufen. Trotzdem stiegen die Wasser Tag um Tag, als wollte Gott die Sündflut erneuern. Da, in der höchsten Not, erinnerte sich ein Fischer des heiligen Nikolaus, der ihm und seinen Gefährten schon öfter geholfen hatte in Wassersnot; er wußte auch, dass in Brauweiler ein Finger des Heiligen war. Davon erzählte er jetzt, und die es hörten, rieten, vor Rathaus zu ziehen und zu bitten, den Finger herbeizuholen. Sie taten es, und der Rat sandte sogleich Boten zu den Brauweiler Mönchen, der Stadt den Finger des Heiligen auszuleihen. Der Prior selbst ritt in scharfem Trab mit dem Klostervogt und einigen Knechten gen Köln. Am Hahnentor erwartete sie eine Menge Volks und zog unter Singen und Beten hinter der Reliquie her durch die Stadt an den Rhein.

Stand da am Malzbüchel die kleine Elze, des Herrn Konstantin von Lyskirchens Töchterlein. Kaum elf Jahre war das Kind. Gläubigfromm sah es mit seinen blauen Augen die Prozession durch die Straße kommen. Der Prior bemerkte Elzelein mit seinem schmalen blassen Engelsgesicht und dachte, als hätte ein guter Geist es ihm eingegeben, solche Unschuld könne vielleicht den Heiligen am ehesten rühren, für die notleidende Stadt um Gottes Hilfe zu bitten. Er hielt an, stieg vom Pferd, gab dem erschrockenen Kind das Reliquiengefäß in die Hände und hieß es, damit vor den vielen Kindern in der Prozession der Flut entgegenzuschreiten. Elzelein schritt und schritt, hob die Reliquie wie beschwörend in seinen Händen und hielt auch im Schreiten nicht inne, als das Wasser schon seine Füße netzte. Dann erscholl es mit einemmal silberhell aus seinem Mund: "Kyr leis" Kyr leis!"

Und nun stimmten zuerst die Kinder und nach und nach auch das ganze Volk mit ein, und so schwoll der Ruf des Erbarmens mit brausender Gewalt zum grauen Himmel hinan und erhob sich auch wie ein Damm gegen die tückische Flut. "Kyr leis! Kyr leis!" Plötzlich gellte irgendwo eine Stimme auf: "Das Wasser fällt!" Da wurde es kirchenstill. Elzelein hielt in seinem Schreiten inne, wandte die Augen von der Reliquie und blickte verwundert an sich hinab. Jetzt erst bemerkte es, dass es bis an die Knie im Wasser stand, sah zugleich aber, wie das Wasser merklich rückwärts ging und schließlich auch von seinen Füßen wich. Da hob es die Reliquie noch einmal wie segnend empor und stimmte dann ein in das Lied, das aus aller Munde dankend zum Himmel drang. Weiter und weiter fiel jetzt die Flut, und nach zwei Tagen hatte sie sich völlig verlaufen.

Im Jahr 1505 weilte Kaiser Maximilian im Brauweiler Kloster. Dem hohen Gast wurde alles gezeigt, was die Schatzkammer an Reliquien barg: die Haare der Gottesmutter, der Bart des heiligen Petrus, der Zahn des heiligen Johannes, die Rippen der heiligen Benedikt, die Schuhe des heiligen Philipp, die Feder aus den Flügeln des Erzengels Michael und was sonst frommer Eifer gesammelt hatte. Der Kaiser lächelte belustigt und ging schnell vorüber. Den Finger des heiligen Nikolaus aber betrachtete er voller Ehrfurcht und bat den Abt, er möge ihn damit segnen. Der Abt willfahrte seinem Wunsch, fragte dann aber, warum gerade dieser Reliquie er seine Gunst bezeige. Da erzählte Maximilian: Ich wollte 1476 den Neusser Krieg beenden und hatte mit Karl, dem Herzog von Burgund, verhandelt. Wir konnten uns aber nicht einigen, und so ritt ich unwillig von dannen. Unweit von Brauweiler geriet ich mit meinen Begleitern auf freiem Feld in ein heftiges Wetter. "Das hat uns der nasse Nikolaus von Brauweiler beschert", scherzte einer. "Dann wollen wir uns bei ihm beschweren gehen", lachte ich, wenn es mir zum Lachen auch nicht zumute war. Wir kehrten also im Kloster ein und fanden eine prächtige Unterkunft. Wenig später traf auch der Bischof von Toul hier ein, der unterwegs war zu seinem Herrn, dem Herzog von Burgund. Wir besprachen uns, und ich ließ ihn wissen, dass ich sehr unwillig sei, weil ich mich nicht mit seinem Herrn hätte einigen können. Der Bischof bat mich darauf, ich möchte noch einen Tag verweilen, er wolle zwischen dem Herzog und mir zu vermitteln suchen. Es gelang ihm. Wir verhandelten noch einmal und schlossen Frieden. Ausserdem erhielt ich des Herzogs Wort, das mir seine Tochter Maria versprach. Zwar dauerte es noch, bis Karl 1477 vor Nancy dem vereinigten Herr der Schweizer und Lothringer unterlag und auf der Flucht getötet wurde. So kam ich durch den nassen Nikolaus zur schönen Frau und zum schönsten Land; brachte mir meine Gemahlin als Heiratsgabe doch die Niederlande zu.

© Aus: Zwischen Dom und Münster. Sagen, Legenden, Märchen und Schwänke aus Landschaften zwischen Köln und Aachen, neu erzählt von Paul Weitershagen. Köln 1959.

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