Einführung (Langfassung)

Der heilige Nikolaus gilt wie der heilige Martin als „apostelgleich”. Ebenso wie der heilige Martin ist Nikolaus einer der ersten Nichtmärtyrer, die als heilig gelten. Aber anders als Sankt Martin wurde und wird der heilige Nikolaus sowohl in der lateinischen als auch in der griechischen Kirche hochverehrt. Während Nikolaus im Westen durch die kritische Wissenschaft an pastoral-theologischer Brisanz verloren hat, ist sein volkstümlicher Stellenwert eher gestiegen, hat er Ableger bis in die säkularen und profanen Bereiche gebildet. Im Osten dagegen hat sich die kirchliche Bedeutung des Heiligen ungebrochen bis heute bewahrt.

Nach wie vor zum festen Bestand (auch ehemals) christlich geprägter Kulturen gehört - in Vorbereitung auf Weihnachten - in der ersten Zeit des Advents das Nikolausfest, heute oft ein Rückfall in ein wohlig rotwarmes, goldschimmerndes Kinderparadies, wo gütige Gerechtigkeit gilt, unverdient Geschenke verteilt werden. Dieses Glücksgefühl ist personifiziert und hat einen Namen: Sankt Nikolaus.

Nur Kinder müssen an ihn glauben, nicht einmal im konfessionellen Sinne. Für die meisten ist die historische Figur gleichgültig, die religiöse Idee überholt. Sankt Nikolaus reduziert sich auf das Erkennungszeichen der Vorweihnacht; Nikolaus ist Geschenkebringer, vielleicht noch „Kinderschreck” oder personifizierter „pädagogischer Zeigefinger”, in allen Fällen aber ein sentimentales Relikt, Ikone einer unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit.

Da die Augen des Betrachters darüber entscheiden, was er in dem Betrachteten zu sehen vermag, mögen einige in der Figur des Sankt Nikolaus noch den Heiligen sehen, dessen als geglückt anerkanntes Leben anderen zum Vorbild dienen kann. Für sie ist es gleichgültig, ob diese Figur tatsächlich so gelebt hat. Das in den Legenden überlieferte Ideal ist ihnen bedeutsamer als die ungreifbare historische Person. Für die Entschlüsselung der Nikolauslegenden und des Nikolausbrauchtums stehen - neben einer unüberschaubaren Fülle von Publikationen - vor allem drei Namen von Autoren, die sich wegweisende Verdienste erworben haben und ohne die es nur schwer möglich wäre, heute ein Nikolausbauch zu schreiben: vor allem Karl Meisen, Dietz-Rüdiger Moser und jüngst Werner Mezger.

Sei's drum. 1.500 Jahre Tradition, legendäre Überhöhung, frömmste Inbrunst, kitschigste Verniedlichung und gnadenloseste Vermarktung, alljährlicher millionenfacher Aufmarsch von Schoko-Nikoläusen in Supermarkt-Regalen, pädagogische Instrumentalisierung, folkloristische Einvernahme und werbemäßige Trivialisierung hat der große alte Mann erstaunlich gut überstanden. Trotz allem gibt es ihn noch, und wer Augen hat zu sehen, entdeckt hinter den Nikoläusen und hinter dem oft nur formal lebendigen Brauchtum, ein Stück der Botschaft des alten Bischofs, die in Legende und Brauchtum erhalten wurde. Vieles, was heute „up to date” oder „en vogue” ist, geht genauso schnell wie es gekommen ist. Die in Legenden und Bräuchen enthalten Wahrheiten haben längeren, wenn auch keinen ewigen Bestand. Zeitgemäß ist es deshalb, sich mit dem Zeitlosen zu beschäftigen. (...)

Sankt Nikolaus - allein die Nennung des Heiligen zaubert bei vielen Menschen unseres Kulturraumes ein Lächeln auf das Gesicht: Lebendig wird die Erinnerung an eine unbegrenzte kindliche Geborgenheit, ein rotwarmes Wohlgefühl an ein Paradies auf Erden, eine unwirkliche Wirklichkeit - gerade so als ob der Himmel die Erde zu küssen schien. Diese geradezu nikolausige Mischung aus Mythos und Märchen, diese Verschwisterung von Fiktion und Realität mag wenigen anderen nur sentimentales Memento an eine infantile Lebensphase sein. Geprägt hat sie fast alle Menschen des westlichen und auch des östlichen Kulturkreises. Unzweifelhaft ist Sankt Nikolaus ein elementarer Standard unserer Kultur. Er ist Objekt kultischer Verehrung, Fixpunkt zahlreicher unterschiedlicher und widersprüchlicher Bräuche. Losgelöst von jeder konfessionellreligiösen Bindung, vielleicht noch mit märchenhaften Zügen versehen, ist Sankt Nikolaus außerdem zur Gallisionsfigur einer Winterzeit geworden, in der Geschäftstüchtige die säkularisierte Heiligengestalt zum Logo ihrer Konsuminteressen gemacht haben.

Auslöser dieses Kultes und Brauchtums ist die Figur jenes heiligen Nikolaus, der seit dem 6. Jahrhundert in Legenden auftaucht. Aufgrund kritischer Textanalysen wissen wir heute, daß diese legendäre Figur fiktiv ist; der legendäre Nikolaus ist eine Kompilation aus zwei historischen Personen: dem Bischof Nikolaus von Myra im kleinasiatischen Lykien, der wahrscheinlich im 4. Jahrhundert gelebt hat, und dem gleichnamigen Abt von Sion, der Bischof von Pinora war, und am 10. Dezember 564 in Lykien starb. Aus diesen beiden historischen Personen entwickelte sich die ab dem 6. Jahrhundert in Legenden faßbare fiktive Figur des wundertätigen übermächtigen Bischofs von Myra.

Kompilationen von Heiligen, also die Verschmelzung von mindestens zwei Personen zu einer neuen fiktiven Figur, sind in der Hagiographie, der Lebensbeschreibung von Heiligen, keine Seltenheit. Das bekannteste Beispiel dürfte sicher die Figur der Maria Magdalena sein, in der sich gleich drei biblische Personen zusammengefaßt finden: Maria von Magdala, Maria von Betanien und die namenlose Büßerin, die Jesu Füße mit Tränen benetzte und mit ihren Haaren trocknete (vgl. Lk 7, 36ff.). Aber auch das genaue Gegenteil einer Kompilation gibt es, das Differen-zieren einer Person zu einer Mehrzahl von Gestalten. Die Legende der heiligen Ursula liefert hierzu ein Beispiel.

Der Versuch, sich mit wissenschaftlich gesicherten Methoden dem historischen Nikolaus zu nähern, hat zu einem ernüchternden Ergebnis geführt. Gustav Anrich formulierte: „Die Geschichtlichkeit eines Myrensischen Bischofs Nikolaus ... in Abrede stellen zu wollen, wäre ein methodischer Fehler. Es kann einen Bischof dieses Namens gegeben, es kann derselbe sogar große Bedeutung für seine Heimat gehabt haben. Es kann auch der 6. Dezember der Tag seines Todes oder seiner Beisetzung gewesen sein. Das alles sind Möglichkeiten, denen man sogar eine gewisse Wahrscheinlichkeit wird zugestehen können. Weiter ist nicht zu kommen.”

Alle Datierungsversuche und Datumsangaben im Zusammenhang mit Nikolaus von Myra sind reine Spekulation. Seine Geburt im kleinasiatischen Patras, die an verschiedenen Stellen behauptete Teilnahme am Konzil von Nicäa 325, wo Nikolaus die Irrlehre des Arius bekämpft haben soll, sind ebenso wenig zu belegen wie die Terminierung seines Todes auf das Jahr 343.

Der erste historisch sichere Anhaltspunkt, die „Keimzelle der Nikolauslegende” (Werner Mezger), ist die „praxis de stratelatis”, die „Stratelatenlegende” (girech. praxis = Tat, griech. stratelatos = Feldherr), die Legende von der wunderbaren Rettung dreier unschuldig zum Tode verurteilter Feldherren durch den Bischof Nikolaus von Myra. Diese Legende läßt sich auf das Ende des 5. bzw. den Verlauf des 6. Jahrhunderts datieren. Das Außerordentliche dieses Wunders sah die Antike darin, daß Nikolaus dieses Wunder zu Lebzeiten wirkte und dabei, in Myra anwesend, dem Kaiser in Konstantinopel im Traum erschien. Diese Tat machte Nikolaus nicht nur zu einem „Thaumaturgos” (griech. Wundertäter), sondern zum „Hyperhagios”, einem „Überheiligen", einer Gestalt, die „normale” Heilige überragte. Der nach legendarischer Auffassung schon zu Lebzeiten unter die Engel versetzte Nikolaus starb einen normalen Tod, also nicht mehr den gewaltsamen Tod eines Blutzeugen oder Märtyrers. So wie Martin von Tours in der Westkirche, wurde Nikolaus in der Ostkirche der erste „confessor”, ein Bekenner, der durch sein lebenslanges Bekenntnis Zeugnis für Gott abgelegt hatte. Der „Hagios Nikolaos”, wie er in der Ostkirche heißt, gewann eine derart überragende Bedeutung, daß ihm die „Apostelgleichheit” zuerkannt wurde. Die griechisch-orthodoxe Kirche hat bis heute die Wochentage bestimmten Heilsereignissen gewidmet: Am Sonntag wird der Auferstehung Christi gedacht. Am Montag gedenkt man der Engel. Am Dienstag steht Johannes der Täufer im Mittelpunkt, am Mittwoch die Gottesmutter Maria. Der Donnerstag ist den Aposteln und dem Gedächtnis an den heiligen Nikolaus gewidmet, während Freitag und Samstag dem Sterben und der Grabesruhe Christi und aller Verstorbenen gedacht wird.

© Becker-Huberti, Manfred: Feiern – Feste – Jahreszeiten. Lebendige Bräuche im ganzen Jahr. Geschichte und Geschichten, Lieder und Legenden. Freiburg: Herder 1998. S. 44-46

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