Die Bestrafung und Begnadigung eines Betrügers

Ein Christ, der sich in großer Not befand, wandte sich an einen Juden um ein Darlehen und schwur über einem Bilde des hl. Nikolaus, das entliehene Geld pünktlich an einem festgesetzten Tage zurückzuliefern. Als die Frist um war, verlangte der Jude sein Geld, der Christ aber schwur hoch und teuer, dass er ihm nichts schulde und ihm deshalb auch nichts wiedergeben würde. Der Gläubiger machte die Sache bei Gericht anhängig, die streitenden Parteien wurden vorgeladen. Der Christ aber, ein verschmitzter Geselle, barg das geliehene Geld in einem hohlen Stocke, und als er seinen Schwur ablegen sollte, hieß er den Juden den Stock halten, worauf er schwur, dass er jenem all sein Gut zurückgegeben hätte. Der Jude bekam Unrecht und verließ den Saal, auf den hl. Nikolaus scheltend.

Aber die Strafe sollte nicht ausbleiben. Als der Betrüger heimkehrte, überfiel ihn eine unwiderstehliche Schlafsucht, die ihn zwang, sich mitten auf dem Wege niederzulegen. Niemand war imstande, ihn von der Stelle zu bringen. So wurde er dann von einem scharfem Trabe daher kommenden Wagen überfahren und erlitt einen qualvollen Tod; zugleich aber hatte der Wagen auch den mit Gold gefüllten Stock zerbrochen und den reichen Inhalt bloßgelegt. Der herbeigeholte Jude erkannte zwar das Gold als das seinige an, weigerte sich aber, es zu nehmen, wenn St. Nikolaus nicht den Christen wieder zum Leben erwecken würde. Kaum war das Wort gesprochen, so erhob sich jener; der Jude aber, durch dieses Wunder bekehrt, ließ sich mit seinem ganzen Hause taufen.

© Karl Meisen: Nikolauskult und Nikolausbrauch. Düsseldorf 1931.

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